Österreichs Stillstand am Wirtschaftsstandort gefährdet Wohlstand

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Der Wirtschaftsstandort Österreich blickt auf ein Jahrzehnt des Stillstands zurück – und die Gefahr eines Abstiegs ist laut Deloitte größer denn je. Um den Wohlstand nicht akut zu gefährden, brauche es jetzt einen Masterplan: Ziel müsse es sein, bis 2030 unter die Top 5 Europas zu kommen. Neben einem neuen Mindset seien merkliche Senkungen der Steuern und Lohnnebenkosten essenziell. Nur dann könne es zu einer nachhaltigen und zukunftsorientierten Transformation der Wirtschaft kommen.

Die Alpenrepublik hat ein Jahrzehnt Stillstand hinter sich – und das schlägt sich in der allgemeinen Gemütslage nieder. Fast jede zweite befragte Führungskraft der rund 600 befragten heimische Top-Führungskräfte im Rahmen einer Studie von Deloitte bewertet die Stimmung am Standort mit „Genügend“ oder „Nicht genügend“.

„Österreich liegt im globalen Wettbewerb bestenfalls im Mittelfeld und hat in den letzten Jahren zunehmend an Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit verloren. Vergleichbare europäische Länder wie Dänemark, Norwegen, die Schweiz oder Schweden sind längst davongezogen. Dieser schleichende Abwärtstrend muss dringend umgekehrt werden“, betont Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich. „Wir müssen uns an den Besten messen und eine Aufholjagd starten. Dafür müssen zahlreiche Hebel in Bewegung gesetzt werden – angefangen bei der überfälligen Senkung von Steuern und Abgaben, über wirksame Maßnahmen gegen den Arbeitskräftemangel bis hin zu Investitionen in Zukunftsfelder.“

Spürbare Steuer- und Kostensenkung als zentraler Hebel

Seit Jahren klagen die Unternehmen über die hohen Kosten und Abgaben. Auch heuer beurteilt die Hälfte der befragten Führungskräfte den Bereich der Unternehmens- und Einkommensbesteuerung mit „Nicht genügend“ oder „Genügend“. Für das Wahljahr 2024 wünschen sich hier viele endlich einen Wendepunkt. Vor allem die Senkung der Einkommen- und Mehrwertsteuer sowie der Lohnnebenkosten hat laut Umfrage für die Wirtschaft höchste Priorität.

„Vor dem Hintergrund des anhaltenden Fachkräftemangels braucht es unbedingt eine weitere Abgabenentlastung beim Faktor Arbeit, um die knappen Personalressourcen aus dem In- und Ausland anzusprechen“, erklärt Herbert Kovar, Managing Partner im Bereich Tax & Legal bei Deloitte Österreich. „Daneben wird auch massiv Kapital benötigt, damit Geschäftsmodelle in Österreich – nicht zuletzt in Richtung Green Economy – adäquat verändert werden können. Dafür sollten die Abgabenmaßnahmen endlich so gestaltet werden, dass sie keine abschreckende Wirkung auf Investorinnen und Investoren haben.“

Ein weiterer Stolperstein ist die sperrige Verwaltung: Die Bürokratie hierzulande wird aktuell von 58 Prozent mit „Nicht genügend“ oder „Genügend“ beurteilt. Dementsprechend stehen Maßnahmen zum Bürokratieabbau ebenfalls weit oben auf der Wunschliste heimischer Unternehmen.

Ungenutzte Potenziale am Arbeitsmarkt heben

Neben hohen Abgaben und überbordender Bürokratie beschäftigt die österreichischen Unternehmen vor allem der Mangel an Arbeitskräften. Insbesondere die Verfügbarkeit von Fachkräften wird von einem Großteil nur mit „Nicht genügend“ oder „Genügend“ bewertet (47 Prozent). Gleichzeitig bleiben am Arbeitsmarkt viele Möglichkeiten ungenutzt. Vor allem in den Beschäftigungsgruppen der Frauen und älteren, erfahrenen Arbeitnehmenden sowie bei Personen mit Migrationshintergrund schlummert ein unausgeschöpftes Potenzial.

„Den Unternehmen ist das ungenutzte Arbeitskräftepotenzial bewusst, sie brauchen aber die Unterstützung der Politik, um es zu heben. Die Forderungen sind klar: Ein Ausbau der Betreuungsangebote für Kleinkinder gerade zugunsten der vielen Mütter in Teilzeit, erleichterte Zuverdienstmöglichkeiten fürPensionisten sowie nicht zuletzt ein schnellerer Arbeitsmarktzugang und eine Qualifizierungsoffensive für Menschen mit Migrationshintergrund“, bringt Elisa Aichinger, Partnerin im Consulting bei Deloitte Österreich, die Handlungsempfehlungen auf den Punkt.

Intelligent in Transformationsthemen investieren

Um zum europäischen Spitzenfeld aufschließen zu können, sind außerdem gezielte Investitionen in die großen Zukunftsfelder vonnöten. Ein wichtiger Punkt ist die Energiewende. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat Österreich die Abhängigkeit von russischem Gas schmerzlich vor Augen geführt. Geändert hat sich bisher wenig, die heimischen Unternehmen zeigen sich nach wie vor besorgt: Nicht einmal die Hälfte (45 Prozent) sieht den Standort bei der Versorgungssicherheit mit Gas „gut“ oder „sehr gut“ aufgestellt. Um das zu ändern, gilt es jetzt nicht nur neue Lieferquellen und Transportwege zu erschließen, sondern vor allem den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen.

Ein weiterer Investitionsschwerpunkt muss auf dem Thema digitale Transformation liegen. Eine umfassende Digitalisierung von Verwaltung sowie Bildungs- und Gesundheitssystem könnte Prozesse effizienter machen. Eine Stärkung der Forschung und Lehre im Bereich digitaler Technologien würde die Innovationskraft fördern.

„Österreich hat in den letzten Krisenjahren die Zukunftsperspektive verloren und muss sich jetzt dringend neu fokussieren. Die Unternehmen haben bereits das richtige Mindset und klare Vorstellungen, was es für eine Spitzenpositionierung in Europa braucht. Jetzt ist die Politik gefordert, spätestens nach den anstehenden Wahlen Taten folgen zu lassen“, so Harald Breit abschließend.

(pi)

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