Motorensymposium 2026: „Die systemische Gesamtbetrachtung ist entscheidend“

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Standortbestimmung und Zukunftsaussichten: Beim 47. Internationalen Wiener Motorensymposium (22. bis 24. April 2026) stand ein vielseitiges Antriebs-Portfolio im Fokus. Die Präsentation der chinesischen „Roadmap 3.0“ durch die China SAE feierte ihre Europapremiere. Hier Auszüge bzw. ein Stimmungsbild aus den 100 Vorträgen, die größtenteils in der Wiener Hofburg, aber auch online gehalten und diskutiert wurden.

„Das Wiener Motorensymposium begleitet seit Jahrzehnten den Wandel unserer Branche“,
konstatierte zum Beispiel der Leiter der technischen Entwicklung „e-Drive“ bei Mercedes-Benz.
Und das Anschauungsmaterial seiner Ausführungen stand auch gleich vor der Wiener Hofburg
geparkt, frei zur Besichtigung. Es ist die neue Generation des Mercedes-Benz EQS, des Elektro-
Flaggschiffs der Marke. Der Vortragende ist mit diesem neuen Fahrzeug direkt aus Stuttgart
angereist. Und nach den etwa 620 Kilometern Wegstrecke verblieben in der Hochvoltbatterie
immer noch 21 Prozent Ladestand; ausreichend, um mit einem einzigen Ladestopp auf der
Rückfahrt wieder bis nach Hause zu kommen.

Mit diesem anschaulichen Leistungsbeweis spannte sich ein Bogen über den Austausch weltweit
führender Akteure und Gestalter der Automobilbranche, die sich zum inzwischen 47. Mal in Wien
zusammengefunden hatten. Es geht, und das ist nicht übertrieben, um die Zukunft der Mobilität
und somit um das Portfolio aller Antriebsarten, die hierbei im Spiel sind.

Gesamtbetrachtung statt einer einzigen Lösung

Dass diese Zukunft auf eine einzige technische Lösung hinausliefe, mag vielleicht dem Standpunkt
einiger Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission entsprechen, nicht aber der Marktrealität
und dementsprechend den Erkenntnissen der weltweiten Forschung und Entwicklungsarbeit, um
wirksame Defossilisierung zu betreiben und den fossil bedingten CO2-Anteil aus dem
Verkehrssektor entschlossen zurückzudrängen.

„Die Gesamtbetrachtung – von der Wiege bis zur Bahre von Energie und Antrieb – ist das Entscheidende“, führt „Hausherr“ Univ.-Prof. Dr. Bernhard Geringer als Vorsitzender des
veranstaltenden Österreichischen Vereins für Kraftfahrzeugtechnik (ÖVK) in seinem Statement aus.

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Europapremiere mit China SAE

Aus der Fülle der Vorträge und Präsentationen, die im prächtigen Ambiente dreier Säle der Wiener
Hofburg teils parallel vor insgesamt rund 1000 Fachbesuchern und Pressevertretern aus aller Welt
gehalten wurden, sticht das Thema des Eröffnungstages mit einer Europapremiere hervor:
Professor Xiangyang Xu, von der Beihang University, Fellow der Chinesischen Society of
Automotive Engineers (China SAE), erläuterte Details und Besonderheiten der Roadmap 3.0, die
den Fahrplan von Chinas Autoindustrie bis zum Jahr 2040 vorgibt.

Im Rahmen des Exkurses präsentierten die Hersteller Great Wall Motors und Li Auto
Produktneuheiten für On- und Offroad, während Stephan Neugebauer von der BMW AG,
gleichzeitig „Chair of European Road Transport Research Advisory Council“ (ERTRAC), über die
Notwendigkeit einer umfassenden Technologieneutralität berichtete. Ins gleiche Horn stieß Lukas
Walter von der Grazer AVL List GmbH, indem er „eine Lösung für alles“ marktspezifischen
Lösungen gegenüberstellte.

Bei der Gelegenheit gab Madame Ruiping Wang, Senior Vice President Geely Auto, einen
Einblick in das Produktions- und Entwicklungsgeschehen bei einem Schwergewicht unter Chinas
Autoherstellern. Sie stellte fest: „Wir brauchen jede einzelne Lösung auf dem Weg zur Karbon-
Neutralität.“ Dafür, so Wang, gäbe es die Unterstützung sowohl von der Regierung als auch von
China SAE.

Da steckt noch Potenzial drin: 45 % BEV-Anteil bis 2035

Am offiziellen Eröffnungstag machte eine Tour d’Horizon durch das globale automotive Geschehen
den Auftakt: Der Institutsleiter des Lehrstuhls für Thermodynamik mobiler Energieumwandlungs-
systeme der RWTH Aachen University und Vorsitzende der Gesellschafterversammlung, FEV,
Aachen, Univ-Prof. Stefan Pischinger, stellte den Status quo und die verschiedenen politischen
sowie regulatorischen Rahmenbedingungen der Autoindustrie in den weltgrößten Märkten
gegenüber; in der Folge beleuchtete Pischinger die Potenziale der verschiedenen Antriebskonzepte von Verbrennungsmotor bis EDU (Electric Drive Unit) und von e-Fuels. Bis zum Jahr 2035 sei mit einem weltweiten BEV-Anteil von 45 Prozent an den Verkäufen zu rechnen, so Pischinger; dies allerdings unter der günstigsten Annahme für die BEV-Verbreitung beispielsweise in Europa.

Anstrengungen, um in Europa wettbewerbsfähig zu bleiben

Niklas Klingenberg, Mitglied des Vorstands der TRATON SE, lieferte Einblicke in Organisation
und Strategie des Nutzfahrzeug-Riesen mit den Marken Scania, MAN, International Motors und
VW Truck & Bus. Das Resümee des Traton-Entwicklungschefs: „Wir müssen uns mehr
anstrengen, um in Europa wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Über die imposante Erfolgsgeschichte des südkoreanischen Autobauers Hyundai und die
Philosophie des Firmengründers referierte Donghee Han, Executive Vice President Electrified
Propulsion Dev. Tech. Unit R&D Division, Hyundai Motor Group: „Habt Ihr es überhaupt probiert?“
sei bis heute das maßgebende Motto der Ingenieure des Konzerns; vor allem in Sachen BEV.

Premiere: Verbrennungsmotor mit 48 Prozent Wirkungsgrad

Mit Blick auf den Weltmarkt muss festgestellt werden, dass außerhalb Europas Verbrennungs-
motoren noch länger nicht passé sind. Allein in China wird laut Roadmap 2040 noch ein gutes
Drittel aller Neuzulassungen auf (elektrifizierte) Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor entfallen. Bis
vor wenigen Jahren ungeahnte Fortschritte beim Erzielen hoher Wirkungsgrade belegen
eindrucksvoll, dass diese Entwicklung bei weitem nicht abgeschlossen ist. Ganz vorne mit dabei ist
die Grazer AVL, die über einen Motor mit 48 Prozent Wirkungsgrad berichtete. Von Bosch und
Champion gab es Betrachtungen über Varianten der Vorkammerzündung für Benzinmotoren.

Fortschritte bei Batterie- und e-Antriebstechnik

Selbstverständlich gab es auf dem diesjährigen Motorensymposium auch viel über Fortschritte in
der Batterie- und elektrischen Antriebstechnik zu hören. Porsche etwa stellte eine Öl-
Direktkühlung vor, die im neuen Cayenne Electric Turbo nicht nur eine effiziente und überragende
Peak-, sondern auch eine besonders hohe Dauerleistung des an der Hinterachse verbauten
Elektromotors ermöglicht. Einblicke in hocheffiziente elektrische Antriebssysteme gewährten unter anderen BMW, Chery, VW und AVL List, während Volkswagen und Toyota auch über neue Hybridsysteme mit und ohne Stecker referierten.

Steigende Beliebtheit für Range Extender (REEV)

Aus China wird wiederum über die stark wachsende Beliebtheit von batterieelektrischen Autos mit
Range Extender (REEV) berichtet. – Immer mehr Hersteller haben sie in der Entwicklung und im
Sortiment, im vergangenen Jahr wurden bereits über 1,2 Mio. Stück dieser Fahrzeuge im Land
verkauft. Horse Powertrain erläuterte diesbezüglich die Besonderheiten einer neuen Benziner-
Plattform speziell für den Einsatz in Range-Extender-Fahrzeugen.

Comeback des Radnabenmotors?

Vor diesem Hintergrund tun sich auch aktuelle Neuentwicklungen von 1,5 bis 6,6 Liter Hubraum
auf, vom Vierzylinder über Sechszylinder-Boxer und V8 bis V12. Welche Rolle ein drehmoment-
starker sowie effizienter V6-Diesel in Kombination mit einem hybriden Antriebsstrang spielen kann,
teilte die Audi AG mit dem Publikum, während Mercedes über Reihensechszylinder-Diesel und
hochkompetitive V8 im Top End-Segment berichtete. Damit befanden sich Porsche und
Lamborghini in bester Gesellschaft: Die Stuttgarter referierten über 911 Turbo S, während die
Gesandtschaft aus Sant’Agata Bolognese den Schritt vom Supercar Temerario zu dessen
Rennstrecken-Variante GT3 erläuterte. Mahle nahm das Publikum mit auf eine virtuelle Reise, an
deren Ende ein 6,6-Liter-V12 mit Hybridmodul steht, welcher im neuen Hypercar von Zenvo mit
bis zu 1876 PS zum Einsatz kommt. Alpine-Vorstand Philippe Krief zeigte, dass der vor über 120
Jahren erstmals eingesetzte Radnabenmotor ein baldiges Comeback feiern könnte.

Wasserstoff – nach wie vor ein wichtiges Thema

Besonders spannend fielen die Vorträge zur Entwicklung in Sachen Wasserstoff aus – der
Energieträger wird in vielfältiger Weise auch in Antriebsszenarien seinen Platz finden, sei es per
Direktverbrennung, von der derzeit immer zu hören ist, oder in Form der Brennstoffzelle. Der
Grazer TU-Professor und stellvertretende Vorsitzende des ÖVK, Helmut Eichlseder, verwies
zusätzlich auf das Thema Resilienz in der gesamtpolitischen Betrachtung und die Chancen des
Standorts Österreich: „Bei Forschung und Entwicklung müssen wir dabei sein!“

Zulieferindustrie vor großen Herausforderungen

Emotional fielen die bewegten Worte des Schaeffler-Powertrain & Chassis-CEO sowie CLEPA-
Vorsitzenden Matthias Zink in der Plenar-Schlusssektion aus: Der Chef der europäischen
Zulieferer-Vereinigung schilderte die Schwierigkeiten, in einer vielfach dogmatisch geführten
Debatte mit Sachargumenten und gesamthafter Betrachtungsweise in den gesetzgebenden
politischen Zirkeln der EU und ihrer Mitgliedsländer durchzudringen.

Volkswagen mit neuer Batterieproduktion

Ein ganz besonderer Beitrag kam schlussendlich von Frank Blome, Vorstandsvorsitzender
PowerCo SE – das ist die Batterietochter des Volkswagen-Konzerns –, der den Stand der
europäischen Batteriefertigung, der sogenannten Einheitszelle, vorstellte. Die Produktion begann
demnach bereits im Dezember 2025 im deutschen Salzgitter und wird erstmals im neuen ID-Polo
eingesetzt. Ebenso sind aktuell Fabriken in Valencia und Kanada in Entstehung. Blome umriss in
seinem Vortrag die Herausforderungen und Chancen dieses Mega-Projektes für VW und Europa.

Die Zeit für Europa als „Wiege der Technologie“ wird knapp

Während in China Planung im Vordergrund stehe und in den USA Förderung, so sei es in Europa
Regulierung. Den Herausforderungen der Zukunft sei damit nicht zu begegnen, wie mehrere
gewichtige Redner feststellten; viel stehe auf dem Spiel – und die Zeit, in der Europa als
Industriestandort und Wiege technologischer Höchstleistungen noch Bedeutung habe, werde
knapp.

Das 48. Internationale Wiener Motorensymposium findet von 21. bis 23. April 2027 statt.

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