Schafft Auto- und Nutzfahrzeug-Industrie Konsens zwischen den Mobilitäts-Interessen der Weltmächte?

Prof. Dr. Bernhard Geringer, Veranstalter des Internationalen Wiener Motorensymposiums © Ranger

Prof. Dr. Bernhard Geringer, Veranstalter des Internationalen Wiener Motorensymposiums, sieht Chancen für ein Nebeneinander von Elektro-, E-Fuel- und anderen Antrieben für Kraftfahrzeuge je nach Verwendungszweck, Rohstoffverfügbarkeit und geografischer Lage. 

xBN: Herr Professor Geringer, im April 2026 wird in der Wiener Hofburg das 47. Internationale Motorensymposium über die Bühne gehen, bei dem Vorstände und Chefentwickler von nahezu allen global namhaften Kraftfahrzeugherstellern („OEMs“) auf Wissenschaftler und Ingenieure aus aller Welt treffen, um über neueste Entwicklungen bei den verschiedensten Antriebstechnologien für Kraftfahrzeuge, Schiffe und Eisenbahnen zu diskutieren. Wie kam es dazu, dass Wien zu einem derart führenden fachlichen Hotspot der weltweiten Ingenieurswissenschaften wurde?

Geringer: Die Gründung des Internationalen Wiener Motorensymposiums geht auf einen sehr umtriebigen Maschinenbau- und Kraftfahrzeugtechnik-Professor zurück, der bereits 1979 das erste Symposium im Bereich Kraftfahrzeug und Umwelt an der TU Wien initiierte, Professor Dr. Hans-Peter Lenz. Er brachte unzählige Größen der Automobilindustrie wie z.B. die Herren Piech, Källenius oder Zetsche nach Wien und machte das Wiener Motorensymposium, das seit 1985 vom Österreichischen Verein für Kraftfahrzeugtechnik ausgerichtet wird, zu einer der weltweit führenden Veranstaltungen dieser Art.

xBN: Wie beurteilen Sie die kürzlich vollzogene Kehrtwende der EU in Sachen „Verbrenner-Verbot“?

Geringer: Die jüngste Abkehr von der ursprünglich geplanten EU-weiten Verbannung von CO2-ausstoßenden Antrieben ab 2035 sollte nicht als politische Kehrtwende gesehen werden, sondern vielmehr als Annäherung an die technische Realität zukünftiger Antriebssysteme, wie es China in seiner neuen Roadmap „Energiespar- und neue Energiefahrzeugtechnologie-Roadmap 3.0“ dargelegt hat.

xBN: Apropos China: Wie sehen Sie die globalen Entwicklungen bei Antrieben für Kraftfahrzeuge – also vom Zweirad über die Personen- bis zu den Nutzfahrzeugen?

Geringer: So unglaublich es erscheinen mag, aber ich orte hier eine Art Konsens zwischen den weltweit divergierenden Wirtschaftsblöcken, die offensichtlich unterschiedliche Strategien verfolgen. Während in den USA und anderen NAFTA-Ländern trotz der globalen Klimadiskussion immer noch der Slogan „Drill Baby Drill“, also der Einsatz von Benzin- und Dieselantrieben, aktuell zu sein scheint, ist man sich in der EU immer noch nicht einig, ob „electric only“ oder doch eine Art Technologie-Neutralität der richtige Weg sei. Asien mit China, Japan, Indien und Korea setzt voll auf Technologieoffenheit und gibt sowohl im Elektro- als auch im Hybrid-Bereich Vollgas, während der Bereich Südamerika bzw. MERCOSUR auf „Bioenergie pur“, also e-Fuels, setzt.

xBN: Wie sieht dieser Konsens aus technischer Sicht konkret aus? 

Geringer: Ich würde es als technologieoffenes Einpendeln zwischen einerseits möglichst 100-Prozent batterieelektrischen Antrieben (BEV) sowie Hybridantrieben bezeichnen. Andererseits haben auch die Wasserstofftechnologie sowie klassische Verbrennungsmotoren mit nachhaltigen Kraftstoffen je nach geografischer Region, Rohstoffverfügbarkeit sowie je nach Art des Fahrzeuges, also Zweirad, PKW oder Nutzfahrzeug, Schiff, Flugzeug oder Eisenbahn nach wie vor ihre Berechtigung. 

xBN: Aus den eingereichten wissenschaftlichen Vorträgen über technologische Neuigkeiten wurden die 100 besten ausgewählt. Was bekommen die rund 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die aus mehr als 20 Nationen anreisen werden, zu hören?

Geringer: Wie gesagt, im Mittelpunkt stehen Innovations-Schwerpunkte wie z.B. effiziente Hybride, neue e-Antriebe („BEV“), aber auch Komponenten wie Radnabenmotor in der Serie oder emotionale Hochleistungs-Hybride mit sogar V8 oder V12 Basismotoren. Es geht um die Erhöhung der Gesamteffizienz mit der Systemintegration von Verbrennungsmotoren und verbesserten E-Motoren, aber auch um Wasserstoff- und E-Fuel-Konzepte für spezifische Anwendungen oder die Lebenszyklusbewertung als künftiger Maßstab für die CO₂-Reduzierung.

xBN: Wie immer haben Sie auch 2026 wieder klingende Namen von Herstellern und Forschungseinrichtungen als Vortragende. Wer wird diesmal dabei sein?

Geringer: Lassen Sie mich gleich mit einer Dame beginnen: Gleich bei der Eröffnungs-Session trägt Ruiping Wang vor. Sie ist CEO der Aurobay Technologies Division, die zum chinesisch-europäischen Automobil-Zulieferkonzern Horse Powertrain gehört, und wird die globale Sicht eines großen Hybridmotoren- sowie Getriebezulieferers darstellen. Außerdem wird sie über die Notwendigkeit von Hybridsystemen und grünen Kraftstoffen zur Beschleunigung der Elektrifizierung referieren. Der Leiter des Instituts für Thermodynamik der Technischen Hochschule Aachen und AR-Vorsitzender des Engineering-Unternehmens FEV, Prof. Stefan Pischinger, spricht über „die Zukunft der Antriebssysteme vor dem Hintergrund der CO2-Flottenziele“. Ergänzend dazu wird Matthias Zink, Vorstand Powertrain & Chassis bei der Schaeffler AG und Präsident des Europäischen Verbandes der Autozulieferer, CLEPA, zum Thema „Europa am Scheideweg – Globale Herausforderungen in Chancen verwandeln“ vortragen. 

Heuer kommt auch Audi-Technik-Vorstand Geoffrey Bouqout, nach Wien. Er betrachtet die „KI als Motor der Transformation in der Automobilindustrie“, während aus dem Renault-Konzern der CEO von Alpine, Philippe Krief, darüber sprechen wird, wie man „einen echten Elektro-Sportwagen“ baut. 

Porsche 911 Turbo S © Porsche AG

xBN: Apropos Sportwagen: Werden in diesem Bereich noch weitere spannende Innovationen in Wien präsentiert?

Geringer: Ja, da gehen unter anderem Hochleistungsantriebe von Porsche, Mahle oder Lamborghini an den Start: Porsche präsentiert erstmals einen hybridisierten Bi-Turbo-Sechszylinder-Boxermotor für den neuen 911 Turbo S. Unter dem Motto „Von der Vision zur Geschwindigkeit“ kommt Mahle mit einem „V12-Hybrid-Antriebsstrang für ultimative Leistungen in einem Hypercar“ nach Wien und auch Lamborghini stellt seinen neuen Hochleistungshybrid für den Supersportwagen Temerario GT3 vor.

xBN: Und was tut sich im Bereich der Schwerfahrzeuge?

Geringer: Stellvertretend für alle LKW-Hersteller wird Niklas Klingenberg, Vorstand der TRATON Gruppe (Scania, MAN und VW), über die „Zukunft der Antriebsstränge in einem sich wandelnden globalen Umfeld“ sprechen. Der US-amerikanische Hersteller Cummins führt in Wien einen Wasserstoff-Verbrennungsmotor für extrem hohe Ansprüche („Heavy Duty“), also auch z.B. für Schienenfahrzeuge oder Schiffe vor. Die chinesische FAW-Gruppe (First Automotive Works) präsentiert eine Wasserstoff-Technologie zur Dekarbonisierung schwerer Nutzfahrzeuge und AVL zeigt in Kooperation mit Scania ihr neues H2 HPDI-System zur „Hochdruck-Direkteinblasung von Wasserstoff als Wegbereiter für Null-Emissionen und 60 Prozent effektiven Wirkungsgrad“! 

xBN: Welche Innovationen aus der großen Welt der Automobilindustrie werden darüber hinaus noch in der Hofburg präsentiert?

Geringer: Aus Japan kommt Toyota mit einer Hybrid-Neuheit von morgen, einem „Next-Generation-Hybridsystem für Plug-in-Hybridfahrzeuge“. Die VW AG präsentiert ebenfalls ihre neueste Hybrid-Generation und BMW gibt erstmals Details zum neuen batterieelektrischen Antrieb „GEN6“ bekannt.
Der indische Tata-Konzern präsentiert in Wien seine neue 1,5 Liter Benzinmotoren-Vierzylinder-Familie, Audi einen neuen V6-TDI, bei dem moderne Dieselmotorentechnik mit einem leistungsstarken hybridischen Antriebsstrang kombiniert ist und Mercedes die „Evolution des neuen Diesel-Reihensechszylinders“, den OM 656 Evo.

Last but not least stellt der chinesische Autohersteller Chery erstmals einen neuen Hybrid-Ottomotor vor, der einen Wirkungsgrad von 48 Prozent in der Serie erreicht. Diese gemeinsam mit dem österreichischen Technologie-Konzern AVL entwickelte Innovation dürfte den endgültigen Durchbruch für Range Extender markieren.


xBN: Danke sehr herzlich für das Gespräch. 

Weitere Details zum Programm finden Sie hier: 
https://wiener-motorensymposium.at/programm
Anmeldungen für Besucher des 47. Internationalen Wiener Motorensymposiums sind ab dem 14. Januar 2026 unter https://wiener-motorensymposium.at/anmeldung möglich.

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