Die Energiewende ist längst nicht mehr nur eine Frage neuer Erzeugungskapazitäten, sondern vor allem eine Frage der Netze, Daten und Systemsteuerung. Austrian Power Grid (APG) betreibt in Österreich rund 3.500 Kilometer Übertragungsnetze, 67 Umspannwerke und eine hochdigitalisierte Leitstelleninfrastruktur, die Versorgungssicherheit, Marktintegration und die Einbindung volatiler erneuerbarer Energien zugleich gewährleisten muss. Im Interview mit xbn.news erklärt APG-Vorstandssprecher Gerhard Christiner, wie stark der Druck auf das System ist. Damit wird der Netzausbau zu einem Schlüsselthema nicht nur für die Energiepolitik, sondern auch für Digitalisierung, Wettbewerbsfähigkeit und den Industriestandort.
Können Sie kurz erklären, was Austrian Power Grid (APG) genau macht und welche Rolle Sie als Übertragungsnetzbetreiber in Österreich haben?
Als unabhängiger Übertragungsnetzbetreiber verantwortet Austrian Power Grid (APG) die sichere Stromversorgung Österreichs. Mit unserer leistungsstarken und digitalen Strominfrastruktur, sowie der Anwendung von State-of-the-art-Technologien integrieren wir die erneuerbaren Energien und reduzieren somit die Importabhängigkeit, sind Plattform für den Strommarkt, schaffen Zugang zu preisgünstigem Strom, integrieren Daten- und Rechenzentren, ermöglichen die Elektrifizierung wirtschaftlicher und industrieller Produktionsprozesse und bilden so die Basis für einen versorgungssicheren sowie zukunftsfähigen Wirtschafts- und Lebensstandort.
Das APG-Netz erstreckt sich auf einer Trassenlänge von etwa 3.500 km, welches das Unternehmen mit einem Team von rund 1.000 Spezialist:innen betreibt, instand hält und laufend den steigenden Anforderungen der Elektrifizierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie anpasst. Über die Steuerzentrale in Wien wird ein Großteil der insgesamt 67 Umspannwerke, die in ganz Österreich verteilt sind, remote betrieben. Auch 2025 lag die Versorgungssicherheit, dank der engagierten Mitarbeiter:innen, bei 99,99 Prozent und somit im weltweiten Spitzenfeld. Unsere Investitionen in Höhe von 680 Millionen Euro 2026 (2025:595 Mio., 2024: 440 Mio., 2023: 490 Mio. Euro) sind Wirtschaftsmotor und wesentlicher Baustein für die Erreichung der Energieziele Österreichs. Insgesamt wird APG bis 2034 rund 9 Milliarden Euro in den Netzaus- und Umbau investieren
Welche Bedeutung hat das Stromnetz für die Energiewende?
Das überregionale Stromnetz der APG spielt eine sehr entscheidende Rolle bei der Transformation des Energiesystems. Die erneuerbaren Energien (Wasser, Wind, Sonne) müssen dargebotsabhängig zum Verbraucher oder zum Speicher transportiert werden. Die Kapazitätsstärke des Übertragnungsnetzes entscheidet mit darüber ob und wieviel Strom aus erneuerbarer Produktion „verarbeitet“ werden kann. Unser Netz kann mit einer Stromautobahn vergleichbar, wobei die Umspannwerke die Stromauffahrten sind. Strom ist ein Just-in-Time Produkt, deswegen ist das Strommanagement bis der Strom in der Steckdose ist, sehr aufwendig. Es müssen sich Angebot und Nachfrage nämlich stets die Waage halten und wir müssen das Netz vor Überlastungen schützen.
Wenn sich der Strombedarf stark erhöht: Wo liegen aus Ihrer Sicht die kritischsten Engpässe im österreichischen Übertragungsnetz heute?
Die Planung des Netzes erfolgt mit Blick auf den wachsenden Stromverbrauch durch Elektrifizierung der Wirtschaft und Industrie, der e-Mobilität, dem Bedarf an Datencentern und den Ausbau der Erneuerbaren. Dabei war der Lückenschluss bei der 380-kV-Verbindung essenziell, denn bisher fehlte eine leistungsfähige Achse zwischen West- und Ostösterreich. Die erneuerbaren Energien entstehen Großteils im Osten, vor allem Photovoltaik in Niederösterreich, Burgenland und Wien. Die dafür notwendigen Pumpspeicherwerke liegen aufgrund der Topografie jedoch im Westen. Um die volatile Einspeisung auszugleichen, braucht es diese Verbindung.
Klassische Engpässe im Übertragungsnetz sind darüber hinaus die Deutschlandleitung, die 2027 in Betrieb geht und über die wir in der Lage sein werden mehr erneuerbaren Strom aus Deutschland zu importieren, aber auch die Ennstalleitung zwischen Tauern und Weißenbach die Generalerneuert und als wichtige Ost-West-Verbindung dabei helfen wird den Erneuerbaren Strom aus dem Osten in den Westen zu den Pumpspeichern zu transportieren oder die Südverbindung Lienz, sind aktuelle Schwachstellen im Netz die wir gerade ausbauen.
Was sind aktuell die größten Bremsklötze beim Netzausbau in Österreich – Regulierung, Akzeptanz oder Lieferketten?
Ich glaube, es ist entscheidend, wie die Politik zu Infrastrukturprojekten steht. Aktuell glaube ich, dass ein sehr gutes Verständnis darüber vorhanden ist, was wir aktuell benötigen, um die Transformation des Energiesystems gesamtsystemisch zu planen und versorgungssicher voranzutreiben.
Die Bundesregierung hat dem Nationalrat das Erneuerbaren-Ausbaubeschleunigungsgesetz vorgelegt. Das ist ein wichtiger Schritt zur Beschleunigung des Netzausbaus und der versorgungssicheren Energiewende. Denn Netzausbau wirkt nur dann, wenn er zeitgerecht stattfindet.
Für den Netzausbau wird die Umsetzung das EABG und die UVPG-Novelle entscheidend sein. Wenn man diese zwei weiteren notwendigen Gesetzespakete auf neue Füße stellt, dann wird einiges effizienter und schneller in den Genehmigungen laufen.
Das überragende öffentliche Interesse wird insofern etwas bringen, weil dann bei den Umweltverträglichkeitsprüfungen eine klare Priorisierung für relevante Infrastrukturprojekte hergestellt wird. Bisher waren alle Materiengesetze gleichgestellt. Wenn Projekte, die der Energiewende dienlich sind, aber ein überragendes öffentliches Interesse genießen, wird es auch für das Gericht künftig einfacher sein, Entscheidungen zu treffen.
Wie stark ist Österreich heute von Stromimporten abhängig – und wie wird sich das entwickeln?
2025 war Österreich mit einer ausgesprochenen Import-Abhängigkeit konfrontiert. In acht von 12 Monaten musste Österreich Strom bilanziell aus dem Ausland importieren (Vergleich 2024: drei Import-Monate) und auf das gesamte Jahr gerechnet ergab sich in Österreich (Regelzone APG*) auf Basis der saldierten Import-/Exportfahrpläne ein Import-Überhang in der Höhe von 5.360 GWh (dies bedeutet eine Differenz von 10.107 GWh gegenüber dem Export-Saldo 2024). Konnte 2025 an nur 112 Tagen bilanziell Strom ins Ausland exportiert werden, so war dies im Jahr davor an 243 Tagen möglich.
Die Strombilanz 2025 und dabei insbesondere die Einspeisung von Erneuerbaren verdeutlichen die Volatilität im Bereich der erneuerbaren Produktion. Besonders in den Wintermonaten zwischen Oktober und Februar konnten wir die Versorgungssicherheit nur aufrechterhalten, weil die Gaskraftwerke auf Hochtouren gefahren sind und wir Strom aus unseren Nachbarländern importieren konnten. Die hohen Importe der vergangenen Monate belegen, wie bedeutend eine kapazitätsstarke und international vermaschte Netzinfrastruktur ist.
Inwiefern berücksichtigt APG-Klimaanpassung (z.B stärkere Stürme, Hitze) bei Planung, Betrieb und Erneuerung von Leitungen und Umspannwerken?
Bei der technischen Auslegung wird die Klimaveränderung berücksichtigt, sowohl stürme als auch höhere Temperaturen, Murenabgänge oder Lawinen spielen dabei eine große Rolle.
Wir haben einen eigenen Fachbereich, der sich nur mit Naturgefahren in Bezug auf den Leitungsbau beschäftigt. Alle kritischen Standorte werden jährlich analysiert und an die neuen Gegebenheiten angepasst. Da werden alle möglichen Einwirkungen auf die Standorte durch den Klimawandel höhere Niederschläge, stärkere Stürme, Muren, Lawinen all das wird berücksichtigt bei der Planung.
Bei Neubauten fließen Klimarisiken heute direkt in die Auslegung ein:
Stärkere Stürme
- Masten werden für höhere Windlasten dimensioniert
- größere Sicherheitsreserven bei Statik und Fundamenten
Hitze & Temperaturanstieg
- Leiterseile werden so ausgelegt, dass sie sich stärker ausdehnen können
- höhere Temperaturgrenzen bei Betrieb („dynamic line rating“)
Vereisung & Schneelasten
- zusätzliche Lastannahmen bei Seilen und Masten
- spezielle Materialien gegen Eisbildung
Hochwasser & Starkregen
- Umspannwerke werden erhöht gebaut oder geschützt
- Drainage- und Entwässerungssysteme werden verstärkt
Wie lange halten unsere Netze in Anbetracht des immer größer werdenden Stromverbrauchs die Belastung aus?
In der aktuellen Situation reizen wir dir die Kapazitäten, die unsere Urgroßväter im überregionalen Stromsystem eingebaut haben, nahezu täglich aus. Das zeigt ein Blick auf die Notfallmaßnahmen, die wir 2025 an insgesamt 215 Tagen (2024: 203 Tage, 2025: 87,2, 2024: 90,4 Mio. Euro) durchführen mussten, um Angebot und Nachfrage stets in Balance zu halten. Was viele nicht wissen: Strom ist ein just-in-Time Produkt, bei dem sich Angebot und Nachfrage stets die Waage halten müssen. Deswegen ist das Produkt Strom, bis es aus der Steckdose kommt, ein sehr Service lastiges Produkt, bei dem im Hintergrund sehr viele Prozesse ablaufen damit Österreich zu jeder Sekunde 24/7 sicher mit Strom versorgt ist.
Grund für die zunehmenden Notfallmaßnahmen ist, dass wir mitten in der Transformation unseres Energiesystems stecken und aktuell zwei Systeme fahren, was extrem teuer ist. Natürlich musste man an einem Ende Anfangen und man hat damit begonnen auf der Erzeugerseite massiv auszubauen. Insgesamt haben wir in Österreich 10.000 MW PV und 4.500 MW Windparkanlagen installiert. Leider hat man verabsäumt die Energiewende gesamtheitlich zu denken. Jetzt stehen wir vor der Situation, dass unser überregionales Stromnetz nicht im gleichen Ausmaß mitgewachsen ist. Das ist den langen Genehmigungsverfahren geschuldet und der Tatsache, dass es nicht damit getan ist die Erneuerbaren auszubauen. Man muss sich auch überlegen, wo die Erneuerbaren gebaut werden, wie der Strom von den Erneuerbaren Anlagen in die Verbrauchszentren gelangt und wann der Strom produziert wird. Denn Sonne und Wind orientieren sich nicht an unserem Verbrauchsverhalten. Deswegen benötigen wir – wenn wir die Transformation ernsthaft umsetzen und realisieren wollen – neben ausreichend starken Netzen auch Speicher und Technologien, um den überschüssigen Strom vom Sommer in die Wintermonate zu transferieren.
Wann erreichen wir die Belastbarkeitsgrenze unserer Stromnetze?
Wenn man sich vor Augen führt, wie hoch die Mehrkosten für diese Ineffizienzen im System ausfallen, dann sieht man, dass wir bereits an der Belastungsgrenze angekommen sind.
Wir waren 2025 über 7.500 Stunden vom europäischen Strombinnenmarkt entkoppelt. Das passiert immer dann, wenn die Netzkapazitäten für den Import nicht ausreichen. Das heißt wir haben einen Preisspread zwischen Deutschland und Österreich von rund neun Euro, wenn man das mal 70 TWh also dem Stromverbrauch pro Jahr in Österreich multipliziert, dann sind wir bei über 600 Millionen Euro, die wir mehr bezahlen als wir zahlen müssten, weil der Strom eigentlich ja billiger verfügbar wäre.
Dazu kommen noch rund 100 Millionen Euro pro Jahr die wir für Engpassmanagement ausgeben müssen, weil wir Engpässe im nationalen Übertragungsnetz haben, die wir immer wieder mit Engriffen in den Markt korrigieren müssen. Das kostet wieder, weil wir hier meistens Gaskraftwerke nutzen.
Und dann haben wir gerade im Osten die Situation im Sommer, dass wir Überkapazitäten auf der Erzeugungsseite haben. Der Großteil also über 80 Prozent der Erneuerbaren sind im Osten angesiedelt und wenn es windig und sonnig ist und es keine Verbrauchsspitzen gibt dann bekommst Du den Strom nicht mehr weg. Dann haben wir teilweise negative Strompreise (u.a. Mittagsspitze durch PV) oder wir müssen regulieren, indem wir das Wasser in der Donau nicht mehr durch die Turbinen rinnen lassen sondern übers Wehr.
Das sind alles Ineffizienzen, die sich in Summe pro Jahr mit einer Milliarde Euro nur im Jahr 2025 zu Buche schlagen. Darum bin ich sehr, sehr kritisch, wenn jemand sagt: Bauen wir das überregionale Stromnetz nicht, sondern die Erneuerbaren weiter aus. Das wäre ein Schuss ins Knie. Man muss das System ganzheitlich denken – man kann natürlich beim Netzausbau effizienter werden umso besser die Planung ist – aber wenn wir unser Netz nicht ausbauen, dann schaffen wir den österreichischen und europäischen Ausgleich nicht von der Integration in den Binnenmarkt und das ist das große Problem.
An die Belastungsgrenze des Stromnetzes heißt im Übrigen nicht die steigende Gefahr eines Blackouts: es heisst vielmehr, dass wir Maßnahmen auf der Verbrauchs- oder Angebotsseite (u.a. Abriegeln) setzen müssen, damit das System im Gleichgewicht bleibt.
Im Übertragungsnetz müssen wir als Systemverantwortliche in der Lage sein jeden Bezug bzw. jede Rückspeisung aus dem Verteilernetz zu handeln. Deswegen ist trotz aller Spar- und Effizienzbemühungen im Netzbereich ein zielgerichteter Ausbau unabdingbar. Nichts zu tun wäre grob fahrlässig und würde das System aufgrund von Ineffizienzen massiv teurer machen.
Wenn Sie auf 2035 blicken: Was wäre für Sie ein „erfolgreiches“ Stromsystem in Österreich?
Das Stromsystem ist dann erfolgreich, wenn es alle Ineffizienzen abgebaut hat, wir die Erneuerbaren Potentiale effizenz nutzen, die Digitalisierung aller Akteure des Stromsystems erfolgt ist (um deren Flexibilitäten nutzbar zu machen), genügend Kapazitäten im Speicher und Netzbereich erfolgreich implementiert haben, für den Notfall Reservekraftwerke verfügbar halten und unser Strompreis konkurrenzfähig ist – das alles natürlich bei gleichbleibend hoher Versorgungssicherheit.