Europäische Wagniskapitalgeber pumpen Rekordsummen in den Markt, doch die Stimmung ist gedrückt. Geopolitische Unsicherheiten und eine neue Nüchternheit bei der Bewertung von Geschäftsmodellen dominieren das zweite Quartal 2026. Kapital ist ausreichend vorhanden – es fließt nur sehr selektiv.
Der European Venture Sentiment Index (EVSI) der Wiener Investmentgesellschaft Venionaire Capital erfasst quartalsweise die Investitionsaktivität und Stimmungslage unter europäischen Top-Investoren. Im zweiten Quartal 2026 setzte sich der seit Jahresbeginn beobachtete Aufwärtstrend fort: Das Gesamtinvestitionsvolumen am europäischen Risikokapitalmarkt stieg auf 29 Milliarden US-Dollar – ein neuer Höchstwert. Parallel dazu nahm auch die Anzahl der Deals um rund 5 Prozent auf 965 Transaktionen zu.
„Die Zahlen zeichnen ein positiveres Bild als die Stimmung. Investoren sind weiterhin zurückhaltend und warten mit Investments”, erläutert Berthold Baurek-Karlic, Vorstandsvorsitzender der Venionaire Capital AG.
Sentiment-Index bleibt unter neutraler Marke
Trotz der positiven Kennzahlen liegt der EVSI weiterhin unterhalb der neutralen Marke von 5 Punkten. Zu Jahresbeginn waren die Investor:innen mit einem prognostizierten Indexwert von 5,6 noch zu optimistisch gestartet, tatsächlich erreicht wurde nur ein Wert von 4,4. Im zweiten Quartal drehte sich das Verhältnis: Der prognostizierte Wert von 4,3 wurde übertroffen, der tatsächliche Indexstand von 4,8 näherte sich fast der neutralen Linie an.
Für das dritte Quartal 2026 erwarten die Investor:innen zwar mehr Aktivität und stärkeren Wettbewerb, der prognostizierte Indexwert steigt jedoch nur leicht auf 4,4. „Wir erkennen eine leichte Stabilisierung. Zwar erwarten Investor:innen mehr Aktivität und Wettbewerb im dritten Quartal, doch die großen Sorgen rund um geopolitische Spannungen und handelspolitische Unsicherheit sind aber weiterhin da”, so Baurek-Karlic. Laut den Analysten von Venionaire Capital agieren Investor:innen aktuell kurzfristig, ohne verlässlichen Ausblick auf die kommenden Quartale.
Wandel bei Investitionskriterien: Verteidigungsfähigkeit im Fokus
Langfristig zeichnet sich eine Verschiebung bei den Bewertungskriterien für Startups ab. Effizienz und Produktdifferenzierung gelten mittlerweile als Grundvoraussetzung, entscheidend wird zunehmend die Frage nach einem dauerhaft verteidigungsfähigen Wettbewerbsvorteil – also einem Geschäftsmodell, das sich nicht ohne Weiteres von Wettbewerbern kopieren oder verdrängen lässt.
„Investoren hinterfragen verstärkt, ob KI-basierte Produkte tief in Infrastruktur und Arbeitsabläufen verankert sind oder lediglich auf bestehenden Basismodellen aufsetzen. Geschäftsmodelle, deren Kernfunktion kurzfristig von einem großen KI-Anbieter in dessen Plattform integriert werden könnte, werden entsprechend kritischer bewertet”, erläutert Baurek-Karlic.
Von diesem Trend profitieren insbesondere Branchen mit hohen technologischen und physischen Eintrittsbarrieren: DeepTech (technologisch besonders anspruchsvolle, forschungsintensive Innovationsfelder), Biotechnologie, Hardware, Robotik, fortschrittliche Fertigung, Energieinfrastruktur und industrielle Transformation. Dies zeigt sich auch in den größten Finanzierungsrunden des Quartals: Eurowind Energy (2,3 Milliarden US-Dollar, Energie- und Abfallwirtschaft), Isomorphic Laboratories (2,1 Milliarden US-Dollar, KI-Biotechnologie) und Stegra (1,6 Milliarden US-Dollar, erneuerbare Energien) – allesamt Unternehmen mit schwer kopierbaren Geschäftsmodellen.
Großbritannien, Deutschland und Dänemark an der Spitze
Großbritannien, Frankreich und Deutschland bleiben die tragenden Säulen der europäischen VC-Landschaft und vereinten im zweiten Quartal 2026 nahezu zwei Drittel des Gesamtinvestitionsvolumens auf sich – verteilt über 505 Deals mit einem Volumen von 18,6 Milliarden US-Dollar.
Die Länderrangliste im Detail zeigt deutliche Verschiebungen:
- Großbritannien führt mit 12,3 Milliarden US-Dollar (+1 Prozent gegenüber dem Vorquartal)
- Deutschland folgt auf Platz zwei mit 3,6 Milliarden US-Dollar (+93,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal)
- Dänemark überrascht auf Platz drei mit 3 Milliarden US-Dollar (+1.387 Prozent gegenüber dem Vorquartal), maßgeblich getrieben durch die Großfinanzierung von Eurowind Energy
- Frankreich verpasst mit 2,7 Milliarden US-Dollar (-49,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal) erstmals die Top 3
Ausblick: Sicherheit vor Wachstum
Für das dritte Quartal 2026 rechnet Venionaire Capital mit einer anhaltenden Verschiebung hin zu etablierteren Unternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen. „Der Risikokapitalmarkt befindet sich momentan im Wandel. Investor:innen sind bereit, mehr Kapital zur Verfügung zu stellen, wollen dafür aber auch ein gewisses Maß an Sicherheit. Auch im dritten Quartal werden es etabliertere Unternehmen mit einem felsenfesten Geschäftsmodell leichter haben”, fasst Baurek-Karlic die Erwartungen zusammen.