wiiw-Prognose: Osteuropa wächst trotz Nahost-Krise

© Pexels

Die Konjunktur in Mittel-, Ost- und Südosteuropa behauptet sich trotz eines schwierigen internationalen Umfelds und geopolitischer Verwerfungen. Das zeigt die aktuelle Sommerprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw). Während der Iran-Krieg die Energiepreise und damit die Inflation in der Region in die Höhe getrieben hat, bleibt das Wirtschaftswachstum erstaunlich robust – angetrieben vom privaten Konsum, EU-Mitteln und Investitionen in die Verteidigungsindustrie.

Der durch den Nahost-Konflikt ausgelöste Energiepreisschock hat die Inflation in Mittel-, Ost- und Südosteuropa angetrieben. Dennoch bleibt das Wirtschaftswachstum in der Region robust – das zeigt die neue Sommerprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für 23 Länder. Die Energiepreise dürften zwar für absehbare Zeit über dem Vorkriegsniveau bleiben, ein Inflationsschock wie nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 zeichnet sich jedoch nicht ab.

„Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Konflikt mit dem Iran nicht neuerlich eskaliert, die Straße von Hormus offen bleibt und sich die Energiemärkte normalisieren“, sagt Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Studie. Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Handelsrouten für Öl- und Gastransporte weltweit; ihre Blockade würde die Energiepreise weiter in die Höhe treiben.

Neben den geopolitischen Risiken bestehen in den CEE-Staaten (Central and Eastern Europe) auch strukturelle Herausforderungen fort: der Verlust industrieller Wettbewerbsfähigkeit, wachsende Konkurrenz aus China und rückläufige ausländische Direktinvestitionen.

Privater Konsum treibt das Wachstum

Getragen wird die wirtschaftliche Entwicklung in der Region vor allem vom privaten Konsum. „Der private Konsum hat sich durch die starken Reallohnsteigerungen der letzten Jahre sehr positiv entwickelt, auch wenn sich diese Dynamik nun abschwächt“, erklärt Grieveson. Zusätzlich stützen EU-Gelder und Investitionen in die Verteidigungsindustrie das Wachstum. Belastend wirkt sich hingegen die anhaltende Krise des verarbeitenden Sektors in Deutschland aus, mit dem die ostmitteleuropäische Industrie eng verflochten ist.

Für die östlichen EU-Mitglieder prognostiziert das wiiw für 2026 ein durchschnittliches Wachstum von 2,2 Prozent – eine minimale Abwärtsrevision um 0,1 Prozentpunkte gegenüber der Frühjahrsprognose. 2027 soll das Wachstum auf 2,4 Prozent anziehen. Damit würden die östlichen EU-Staaten heuer rund dreimal so stark wachsen wie die Eurozone (0,7 Prozent) und 2027 mehr als doppelt so stark (1 Prozent).

Innerhalb der Region zeigen sich deutliche Unterschiede: Rumänien dürfte 2026 mit -0,1 Prozent leicht in die Rezession rutschen, eine Folge des strikten Sparkurses der Regierung nach hohen Budgetdefiziten sowie der innenpolitischen Krise. Die Slowakei wächst 2026 mit 0,5 Prozent nur schwach, zieht 2027 mit 1,6 Prozent aber wieder an. Ungarn dürfte nach dem Wahlsieg von Péter Magyar und seiner Partei Tisza um 1,7 Prozent (2026) beziehungsweise 2,6 Prozent (2027) expandieren. Spitzenreiter bleibt Polen mit 3,7 Prozent im laufenden und 2,9 Prozent im kommenden Jahr. Die sechs Staaten am Westbalkan wachsen 2026 im Schnitt um 2,5 Prozent, die Türkei um 3,3 Prozent.

Ukraine: Luftangriffe und Hormus-Blockade belasten Wirtschaft

Deutlich schwieriger ist die Lage in der Ukraine. Das wiiw erwartet für das Gesamtjahr 2026 unverändert ein Wachstum von 1 Prozent, das 2027 auf 2,5 Prozent zulegen soll. Im ersten Quartal 2026 schrumpfte die Wirtschaftsleistung im Jahresvergleich um 0,5 Prozent – Folge schwerer russischer Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur und daraus resultierender Stromausfälle. Zusätzlich belasteten höhere Preise für Treibstoffe und Düngemittel, ausgelöst durch die Blockade der Straße von Hormus, von deren Importen die Ukraine stark abhängig ist.

„Eine bessere Performance der Landwirtschaft, mehr Exporte sowie staatliche Investitionen in den Wiederaufbau und die Verteidigungsindustrie könnten das heurige Jahr noch einigermaßen retten“, sagt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des wiiw. Für nachhaltiges Wachstum in den kommenden Jahren sei jedoch eine Deeskalation des Kriegs mit Russland und ein für die Ukraine günstiger Kriegsausgang notwendig.

Stabilisierend wirkt der im April 2026 bewilligte EU-Kredit über 90 Milliarden Euro: 30 Milliarden Euro fließen direkt in den ukrainischen Staatshaushalt, 60 Milliarden Euro in die Finanzierung der Militärausgaben. Mit dem Budgetanteil kann die Ukraine rund zwei Drittel ihres Finanzbedarfs für 2026 und 2027 decken. Die Inflation im Land bleibt mit voraussichtlich rund 10 Prozent im laufenden Jahr hoch, soll sich 2027 abschwächen und 2028 bei 6 Prozent einpendeln. Eine erneute Eskalation des Iran-Kriegs mit steigenden Energiepreisen würde laut Pindyuk zu deutlich größeren wirtschaftlichen Schäden führen.

Russland: Restriktive Geldpolitik und Drohnenangriffe bremsen Wirtschaft

Auch Russlands Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten. Das wiiw prognostiziert für 2026 ein Wachstum von nur noch 0,6 Prozent – eine Abwärtsrevision um 0,3 Prozentpunkte gegenüber dem Frühjahr. 2027 soll es auf 1,3 Prozent steigen, ebenfalls eine Korrektur nach unten (-0,2 Prozentpunkte). Trotz vorübergehend höherer Energieeinnahmen infolge des Iran-Kriegs verharrt die russische Wirtschaft in einer Stagnation.

„Der wichtigste Grund dafür ist die immer noch zu restriktive Geldpolitik der Notenbank, die die Wirtschaft abwürgt, weil sie die Kreditaufnahme vor allem für Käufe langlebiger Konsumgüter sowie Investitionen prohibitiv teuer macht“, analysiert Vasily Astrov, Russland-Experte des wiiw. Im ersten Quartal 2026 sank die Investitionstätigkeit um rund 14 Prozent, auch bedingt durch ausgeschöpfte Möglichkeiten der Importsubstitution.

Verschärfend wirken wiederholte, offiziell mit Sicherheitsbedenken begründete Internetsperren der russischen Behörden, die die stark digitalisierte Wirtschaft des Landes beeinträchtigen. Als noch schädlicher gelten die massiven ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Energieanlagen: Schätzungen zufolge wurde bereits ein Drittel der russischen Raffineriekapazitäten lahmgelegt.

„Vielerorts gibt es Versorgungsengpässe bei Treibstoff. Das wird natürlich negative Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit im Land haben und war neben den Internetsperren, der Kriegsmüdigkeit und der Konjunkturflaute ein Mitgrund dafür, dass die Popularität von Präsident Putin zuletzt deutlich nachgelassen hat“, so Astrov. Dennoch bleibe Russland weiterhin in der Lage, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortzusetzen und zu finanzieren.

Osteuropa als Stütze für Österreichs Exportwirtschaft

Für Österreich bleibt Osteuropa ein wichtiger wirtschaftlicher Anker. Die Region trug im ersten Quartal 2026 maßgeblich dazu bei, die österreichische Exportleistung trotz eines schwierigen globalen Umfelds zu stabilisieren. Während die Ausfuhren in die USA im selben Zeitraum um 14,6 Prozent sanken und auch nach Rumänien (-3,9 Prozent) zurückgingen, wuchsen die Exporte nach Ungarn (+2,7 Prozent) und Polen (+2,8 Prozent) moderat. Deutlich stärker legten die Ausfuhren nach Tschechien (+4,4 Prozent), Kroatien (+10,6 Prozent) und Serbien (+16,5 Prozent) zu.

„Die guten Konjunkturaussichten in den für Österreich wichtigen Ländern Polen, Tschechien, Ungarn, Kroatien und den sechs Staaten am Westbalkan werden die österreichische Wirtschaft weiterhin stützen“, sagt Grieveson. Mittelfristig biete auch der Wiederaufbau der Ukraine großes Potenzial: Österreichische Baufirmen zählen bereits heute zu den größten Anbietern in der Region und verfügen über umfangreiches Know-how im Wohn- und Straßenbau. Bei Energieinfrastruktur und Wasseraufbereitung gilt Österreich zudem als Weltmarktführer.

„Durch den in der Region stattfindenden Strukturwandel weg vom Modell ‚verlängerte Werkbank‘, das auf niedrigen Lohnkosten basierte, hin zu einem Wachstum, das mehr auf Investitionen und privatem Konsum beruht, gibt es besonders große Chancen für österreichische Unternehmen. Österreich ist hier gut positioniert“, so Grieveson. Weiteres Potenzial sieht das wiiw in Ländern, die zwar hohe Wachstumsraten aufweisen, in denen österreichische Unternehmen bislang aber wenig präsent sind – darunter Kasachstan, die Türkei, Bulgarien und Serbien.

Upcoming events