Xerox durchläuft die größte Transformation seiner Unternehmensgeschichte. Seit Mitte 2023 strukturiert der traditionsreiche Technologiekonzern sein Geschäftsmodell grundlegend um – von einem klassischen Druckerhersteller hin zu einem Anbieter digitaler Services und IT-Dienstleistungen. Im Interview mit xbn.news erklärt Siham Rakia, Country Managerin für Schweiz und Österreich, wie sie diese globale Transformation auf die spezifischen Anforderungen des deutschsprachigen Marktes überträgt und welche Herausforderungen KMUs bei der digitalen Transformation bewältigen müssen.
Die Umstrukturierung umfasst einen Stellenabbau von 15 Prozent, die Neuorganisation in drei Business Units und massive Investitionen in ein partnerorientiertes Vertriebsmodell. Im Juli 2025 erfolgte mit der Übernahme von Lexmark für 1,5 Milliarden Dollar ein strategischer Meilenstein, der Xerox zum Marktführer im Bereich Managed Print Services macht. Für die DACH-Region bedeutet diese Neuausrichtung eine fundamentale Veränderung: Statt reiner Drucklösungen stehen nun Workflow-Automatisierung, Cybersicherheit und hybride Arbeitsmodelle im Fokus.
Wie sieht Ihre persönliche Vision für Xerox in der Schweiz und in Österreich aus, insbesondere angesichts der aktuellen Umstrukturierung des Unternehmens?
Xerox durchläuft derzeit eine mutige Umstrukturierung, um den aktuellen Makrotrends – wirtschaftliche Unsicherheit, Einführung hybrider Arbeitsmodelle und zunehmende Digitalisierung – gerecht zu werden. Dies ist nicht nur die Geschichte eines Unternehmens, sondern auch ein Fahrplan dafür, wie Unternehmen in der Schweiz und in Österreich in Zeiten des Wandels erfolgreich sein können.
Unser Umstrukturierungsprozess konzentriert sich auf drei Prioritäten: Einerseits straffen wir unser Kerngeschäft im Druckbereich, um den Anforderungen des hybriden Arbeitsplatzes gerecht zu werden. Andererseits expandieren wir durch ein partnerorientiertes Markteinführungsmodell. Gleichzeitig verbessern wir die unternehmensweite Effizienz durch unsere Global-Business-Services-Organisation. Dadurch senken wir die Transaktionskosten und verbessern die Erfahrungen sowohl unserer Kunden als auch unserer Mitarbeiter. Darüber hinaus beschleunigen wir das Wachstum im Bereich der digitalen und IT-Dienstleistungen, einschließlich Cybersicherheit und Workflow-Automatisierung, um unsere Einnahmequellen in Richtung wachstumsstarker Märkte zu diversifizieren.
Was sind die größten Herausforderungen und welche Meilensteine möchten Sie in den kommenden Jahren erreichen?
Wir befinden uns mitten in der Neugestaltung von Xerox, die Mitte 2023 begonnen hat. Für mich bedeutete dies, von Anfang an strategische Veränderungen im Geschäft in der Schweiz und Österreich umzusetzen. Wir sind dieses Vorhaben schrittweise angegangen, indem wir jedes Thema einzeln mit allen Beteiligten besprochen und Fortschritte erzielt haben. Aus organisatorischer Sicht haben wir innerhalb von Global Business Services eine spezielle Struktur geschaffen, die jeden Prozess von Anfang bis Ende im Detail untersucht. So konnten wir eine umfassende Analyse unserer Arbeitsweise durchführen, um Effizienz, Produktivität und Effektivität zu steigern. Während dieses Prozesses haben wir besonderen Wert daraufgelegt, unseren Mitarbeitern die Fähigkeiten und das Verständnis zu vermitteln, die für die Umsetzung neuer Strategien und Prozesse erforderlich sind. Eine effektive Kommunikation bleibt ein wichtiger Erfolgsfaktor auf dem Weg zur vollständigen Umsetzung.
Die Meilensteine, die wir bisher erreicht haben, sind:
- Übernahme von Lexmark, Stärkung der Führungsposition im Bereich Managed Print Services und Ausbau der IT-Kompetenzen – Schaffung eines neuen Kompetenzzentrums für Druck- und Digitaldienstleistungen.
- Einführung von TriShield 360, einer Cybersicherheitslösung für KMUs, die die Technologie von Palo Alto Networks mit einer Cyberversicherung von The Hartford kombiniert.
- KI-gesteuerte Innovationen wie FreeFlow Workflow Software und Managed IT Services, die Unternehmen bei der Automatisierung von Prozessen und der Sicherung hybrider Umgebungen unterstützen.
Für Unternehmen in der Schweiz und Österreich bedeuten diese Veränderungen einen besseren Zugang zu modernen digitalen Dienstleistungen, eine optimierte Kosteneffizienz und maßgeschneiderte Lösungen für das hybride Arbeiten. All dies sind entscheidende Faktoren in der heutigen Zeit.
Was sind Ihrer Meinung nach derzeit die größten strukturellen oder marktbezogenen Hindernisse für die digitale Transformation in der DACH-Region, und wie gehen Sie damit um?
Xerox zufolge wird die digitale Transformation in der DACH-Region vor allem von drei Faktoren geprägt: tief verwurzelte Altinfrastrukturen, hohe regulatorische und datenschutzrechtliche Anforderungen sowie ein Mangel an digitalen Kompetenzen. Viele Unternehmen, insbesondere KMU, betreiben komplexe, maßgeschneiderte IT-Umgebungen, welche die Geschwindigkeit der Transformation einschränken. Gleichzeitig erfordern strenge Compliance- und Datenhoheitsanforderungen digitale Lösungen, die von Grund auf sicher und vertrauenswürdig sind.
Xerox begegnet diesen Herausforderungen mit einer pragmatischen, schrittweisen Transformation. Wir helfen unseren Kunden, bestehende Arbeitsabläufe durch sichere Automatisierung, Managed Services und datengesteuerte Lösungen zu modernisieren. Diese entsprechen den lokalen Vorschriften und minimieren gleichzeitig Betriebsunterbrechungen und Komplexität.
So haben wir beispielsweise kürzlich einem Schweizer Finanzdienstleistungsunternehmen dabei geholfen, seine dokumentenintensiven Compliance-Prozesse zu digitalisieren. Anstatt das gesamte System zu ersetzen, haben wir eine Workflow-Automatisierung integriert, die die bestehenden Sicherheitsprotokolle beibehält und gleichzeitig die manuelle Bearbeitungszeit um 60 Prozent reduziert.
Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld zwischen Innovationsförderung einerseits und der Sicherung eines stabilen Kerngeschäfts andererseits um?
Bei Xerox sind Innovation und die Stabilität des Kerngeschäfts keine gegensätzlichen Kräfte, sondern sie verstärken sich gegenseitig. Unser Kerngeschäft bietet die nötige Größe, das Vertrauen der Kunden und den erforderlichen Cashflow, um Innovationen zu finanzieren. Im Gegenzug modernisieren und erweitern wir unser Kerngeschäft durch Automatisierung, digitale Workflows und Managed Services, anstatt es um seiner selbst willen zu stören.
Dieser Ansatz schützt die operative Exzellenz und entwickelt gleichzeitig unser Portfolio systematisch weiter, um den sich ändernden Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. So werden sowohl kurzfristige Stabilität als auch langfristige Relevanz gewährleistet.
In Ihren früheren Positionen waren Sie stark in Projekte zur digitalen Transformation involviert. Wie lässt sich Ihre Erfahrung bei Microsoft, Dell oder HP auf die Strategie von Xerox übertragen?
Während meiner Zeit bei Microsoft, Dell und HP konzentrierte ich mich darauf, die digitale Transformation in großem Maßstab voranzutreiben – oft in komplexen, regulierten Unternehmensumgebungen, was der heutigen Kundschaft von Xerox sehr ähnelt.
In diesen Funktionen habe ich gelernt, wie man ältere Infrastrukturen erfolgreich modernisiert, hybride und von Grund auf sichere Lösungen entwickelt und technologische Innovationen auf klare Geschäftsergebnisse ausrichtet. Diese Erfahrung passt gut zur Strategie von Xerox, die sich auf eine pragmatische Transformation konzentriert: die Weiterentwicklung bestehender Arbeitsabläufe, die Einbettung von Automatisierung und Intelligenz sowie die Schaffung messbarer Werte statt bloßer Umbrüche um ihrer selbst willen.
Darüber hinaus hat mich die Arbeit in großen, globalen Organisationen darin geschult, Innovation und operative Exzellenz in Einklang zu bringen. Dies ist eine entscheidende Fähigkeit, da Xerox sein Portfolio weiter transformiert und gleichzeitig sein Kerngeschäft sichert.
Wie passen Sie die globale Unternehmensstrategie von Xerox an die spezifischen Anforderungen des Schweizer und österreichischen Marktes an? Und wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen den beiden Märkten?
In der Schweiz und in Österreich passen wir unser globales Portfolio an die lokalen regulatorischen Anforderungen, Datenschutzstandards und Kundenerwartungen an. Dabei nutzen wir unsere globale Reichweite, Technologie und Best Practices. Durch die enge Zusammenarbeit mit lokalen Teams und Partnern stellen wir sicher, dass unsere Lösungen auf die spezifischen Bedürfnisse verschiedener Branchen und Marktentwicklungsstufen zugeschnitten sind.
Die größten Unterschiede liegen in der Marktstruktur und den Entscheidungsprozessen. Die Schweiz ist internationaler ausgerichtet und hat hohe Erwartungen in Bezug auf Datenhoheit, Sicherheit und Qualität. Österreich ist hingegen stärker zentralisiert und oft von langfristigen Beziehungen und einer starken Fokussierung auf KMU geprägt. In beiden Märkten sind Vertrauen, Zuverlässigkeit und messbarer Geschäftswert von größter Bedeutung. Die Art und Weise, wie diese erreicht und kommuniziert werden, unterscheidet sich jedoch.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der digitalen Transformation in der IT- und Technologiebranche gemacht und welche Rolle spielt Xerox dabei?
Ich verfüge über umfangreiche Erfahrung mit der digitalen Transformation in der IT- und Technologiebranche. Dazu gehören die Modernisierung von Altsystemen, die Implementierung von Automatisierung sowie die Förderung sicherer, datengesteuerter Arbeitsabläufe im großen Maßstab. Ich habe erlebt, wie Unternehmen mit derselben Herausforderung zu kämpfen hatten.
Wie kann man innovativ sein, ohne den Betrieb zu stören?
Xerox spielt dabei eine einzigartige Rolle. Im Gegensatz zu reinen Technologieanbietern verstehen wir dokumentenintensive Arbeitsabläufe genau. Wir helfen Unternehmen, ihre tatsächlichen Abläufe zu digitalisieren, anstatt ihnen nur Technologie zu verkaufen. Das bedeutet, Dokumentenprozesse zu rationalisieren, Automatisierung und Intelligenz zu integrieren sowie Sicherheit und Compliance zu gewährleisten – und das alles bei messbarem ROI. Unser Fokus liegt darauf, die digitale Transformation als realisierbares und nachhaltiges Ziel zu etablieren – und nicht nur als Wunschvorstellung.
Welche Trends sind Ihrer Meinung nach derzeit für Ihre Branche besonders relevant?
Die derzeit relevantesten Trends in unserer Branche sind Automatisierung, digitale Arbeitsabläufe und datengestützte Entscheidungsfindung. Unternehmen möchten ihre Prozesse rationalisieren, manuelle Aufgaben reduzieren und Analysen nutzen, um umsetzbare Erkenntnisse zu gewinnen. Sicherheit, Compliance und Nachhaltigkeit sind ebenfalls zentrale Prioritäten. Kunden erwarten effiziente, sichere, umweltfreundliche und mit den gesetzlichen Anforderungen vereinbare Lösungen. Xerox reagiert auf diese Entwicklungen mit intelligenter Automatisierung, Managed Services und sicheren, konformen Lösungen. Damit helfen wir Unternehmen, ihre Abläufe zu transformieren und gleichzeitig Risiken zu minimieren.
Wie verändern sich die Bedürfnisse Ihrer Kunden aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und wie reagiert Xerox auf diese Veränderungen?
Die Bedürfnisse der Kunden verändern sich dramatisch. Statt zu fragen: „Können Sie Druckerzeugnisse liefern?“, fragen sie heute: „Können Sie uns dabei helfen, den Druck zu eliminieren und gleichzeitig unsere digitalen Arbeitsabläufe zu sichern?“ Sie möchten Papier einsparen, Genehmigungen automatisieren und Compliance sicherstellen. Dafür benötigen sie Partner, die ihre aktuelle Situation verstehen und nicht nur ihre digitalen Ziele.
Xerox reagiert darauf, indem das Unternehmen die Kunden dort abholt, wo sie stehen. Wir unterstützen sie bei der schrittweisen Modernisierung, indem wir ihre Arbeitsabläufe Prozess für Prozess digitalisieren, eine zu ihren Abläufen passende Automatisierung integrieren und Managed Services anbieten, damit sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.
Wir haben auch gelernt, dass Transformation Partnerschaft erfordert, nicht nur Technologie. Letztes Jahr haben wir Kommunikationslücken in unserem Liefergeschäft identifiziert, die sich auf Kunden und Partner auswirkten. Wir haben ein spezielles Team eingerichtet, um diese Prozesse neu zu gestalten – mit sehr positiven Ergebnissen.
In ähnlicher Weise haben uns unsere Partner mitgeteilt, dass größere Veränderungen auf unserer Seite Auswirkungen auf ihre Geschäfte haben. Eine frühzeitige Einbindung würde ihnen helfen, sich vorzubereiten und effektiver mit uns zusammenzuarbeiten. Als Reaktion darauf haben wir in jedem Land Partnerräte eingerichtet. Diese geben unseren Vertriebspartnern frühzeitig Einblick in unsere Strategie, damit sie sich vorbereiten und mit uns wachsen können. Dieser kooperative Ansatz stellt sicher, dass wir uns an den tatsächlichen Marktbedürfnissen und nicht nur an unseren internen Plänen orientieren.
Nach welchen Führungsprinzipien richten Sie sich persönlich, um Teams über Ländergrenzen hinweg erfolgreich zu motivieren und zu leiten?
Ich führe mit Transparenz, Empowerment und einem klaren Sinn für Ziele. Ich konzentriere mich darauf, Teams über Grenzen hinweg auf gemeinsame Ziele auszurichten, kulturelle Unterschiede zu respektieren und eine offene Kommunikation zu fördern. So kann ich Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein aufbauen.
Außerdem lege ich Wert auf Coaching und die Förderung von Autonomie, damit Teams innovativ sein und Verantwortung übernehmen können, während sie sich gleichzeitig an den strategischen Prioritäten ausrichten. Dieser Ansatz fördert das Engagement, die Zusammenarbeit und messbare Ergebnisse in verschiedenen Märkten.
Während unserer Umstrukturierung habe ich beispielsweise regelmäßig Town-Hall-Meetings mit dem Team in beiden Ländern abgehalten, um Bedenken direkt anzusprechen und sicherzustellen, dass alle nicht nur verstanden, was sich veränderte, sondern auch, warum dies für sie und unsere Kunden wichtig war. Dieser transparente Ansatz trug dazu bei, die Moral und Leistung in einer Zeit großer Unsicherheit aufrechtzuerhalten.

