Der digitale Vermögensmarkt in Österreich ist längst kein Nischenphänomen mehr: Bereits 19 Prozent der Bevölkerung nutzen Kryptowährungen zumindest gelegentlich – deutlich mehr als in Deutschland. Eine aktuelle Studie der Management- und Technologieberatung BearingPoint zeigt jedoch, dass dieser wachsende Markt technologisch und infrastrukturell fast vollständig an den etablierten Banken vorbeiläuft. Während spezialisierte Plattformen wie der Wiener Anbieter Bitpanda den Kundenzugang mit ausgereiften digitalen Handels- und Verwahrungslösungen dominieren, fehlt klassischen Kreditinstituten bislang die technische und strategische Antwort auf diese Entwicklung.
Damit ist die Diskrepanz bei Banken deutlich größer als bei anderen Zugangswegen. Knapp zwölf Prozent würden über einen Online-Broker investieren, rund zwölf Prozent direkt über eine Kryptobörse und gut neun Prozent über einen Krypto-Broker. Bei diesen Anbietern liegen Nutzungsbereitschaft und tatsächliche Nutzung wesentlich näher beieinander.
Bitpanda mit großem Abstand an der Spitze
Wer bereits Kryptowährungen handelt, setzt in Österreich vor allem auf spezialisierte Anbieter. Bei der Frage nach konkret genutzten Plattformen wird Bitpanda mit großem Abstand am häufigsten genannt. Mehr als vier von zehn Nennungen beim Handel entfallen auf den österreichischen Anbieter. Dahinter folgen Binance und Coinbase. Auch bei der Verwahrung liegt Bitpanda klar vorne. Insgesamt entfällt der Großteil der Nennungen beim Handel auf Krypto-Plattformen und -Börsen. Neo-Broker, Neobanken und Trading-Apps bilden die zweite relevante Anbietergruppe. Klassische Banken kommen dagegen lediglich auf einen kleinen Anteil.
„Der österreichische Kryptomarkt hat längst etablierte Kundenzugänge – und diese liegen heute überwiegend außerhalb der klassischen Banken. Spannend ist, dass gleichzeitig jede achte Person grundsätzlich über die eigene Hausbank investieren würde. Für Banken ist der Markt damit keineswegs verschlossen. Sie müssen allerdings entscheiden, ob und wie sie diesen Bedarf künftig bedienen wollen“, erklärt Christian Knedelstorfer, Partner bei BearingPoint.
Österreich funktioniert anders als Deutschland
Auch im Vergleich mit Deutschland zeigt sich, wie eigenständig der österreichische Markt funktioniert. Während dort Trade Republic beim Handel und bei der Verwahrung von Kryptowährungen an der Spitze liegt, spielt der Anbieter in Österreich nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Hier prägt mit Bitpanda vielmehr ein heimischer Anbieter den Kundenzugang. Für Banken ist dieser Unterschied relevant: Strategien und Marktbeobachtungen aus Deutschland lassen sich nicht eins zu eins auf Österreich übertragen. Der Wettbewerb um die Kundenschnittstelle ist hier bereits anders verteilt.
„Wer vom deutschen Kryptomarkt direkt auf Österreich schließt, greift zu kurz. Der Kundenzugang wird hier von anderen Anbietern besetzt. Für Banken bedeutet das, dass sie den österreichischen Markt aus seiner eigenen Struktur heraus betrachten müssen“,so Knedelstorfer.
Hausbanken haben eine offene Flanke
Für BearingPoint zeigen die Ergebnisse vor allem eines: Die geringe Nutzung von Banken lässt sich nicht allein mit fehlendem Kundeninteresse erklären. Zwischen der grundsätzlichen Bereitschaft, über die Hausbank zu investieren, und der tatsächlichen Nutzung liegt ein deutlicher Abstand. Bei Krypto-nativen Anbietern fällt diese Lücke wesentlich kleiner aus. Damit stellt sich für Banken zunehmend eine strategische Frage: Überlassen sie Handel und Verwahrung digitaler Vermögenswerte dauerhaft spezialisierten Plattformen oder bauen sie selbst einen Zugang für ihre Kundinnen und Kunden auf?
„Der Kundenzugang ist heute klar verteilt, aber noch lange nicht endgültig vergeben. Die Zahlen zeigen ein konkretes Potenzial für Banken. Entscheidend wird sein, ob sie daraus ein Angebot machen, bevor sich die heutigen Nutzungsgewohnheiten weiter verfestigen“,resümiert Knedelstorfer. (pi)