Aktuelle Schifffahrtsdaten zeigen, wie schnell geopolitische Spannungen reale Handelsströme verändern können. Innerhalb weniger Tage hat sich das Verhältnis zwischen neuen Containerbuchungen und Stornierungen für Transporte durch die Straße von Hormus deutlich verschoben. Während die Zahl der Neubuchungen stark zurückging, stiegen Stornierungen massiv an. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass Unternehmen ihre Lieferketten kurzfristig anpassen und alternative Transportwege prüfen, um Risiken in einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt zu umgehen.
Die jüngsten Schifffahrtsdaten von Dun & Bradstreet zur Straße von Hormus zeigen, wie schnell geopolitische Spannungen reale Handelsströme beeinflussen können. Innerhalb weniger Tage ist das Verhältnis zwischen neuen Containerbuchungen und Stornierungen deutlich gekippt – ein klares Signal dafür, dass Unternehmen ihre Lieferketten kurzfristig anpassen.
Importe: Buchungen -59 Prozent, Stornierungen +364 Prozent
Zwischen dem 1. und 3. März gingen neu gebuchte Importvolumina für Containertransporte über die Straße von Hormus im Vergleich zum gleichen 3-Tage-Zeitraum der Vorwoche drastisch zurück. Die Buchungen sanken um 59 Prozent – von 25.144 auf 10.382 TEU (Twenty-foot Equivalent Units). Gleichzeitig stiegen Stornierungen um 364 Prozent, von 8.010 auf 37.193 TEU.
Über den gesamten Drei-Tage-Zeitraum hinweg überstiegen die stornierten Importvolumina die neu gebuchten um 265 Prozent. Besonders deutlich wurde die Dynamik am 3. März:
- 21.762 TEU wurden storniert,
- nur 1.915 TEU neu gebucht
Das entspricht lediglich 13 Prozent des Buchungsvolumens der Vorwoche und markiert das niedrigste Werktags-Buchungsniveau seit Beginn des Jahres 2024.
Exporte folgen dem gleichen Muster
Auch auf der Exportseite zeigt sich eine deutliche Abschwächung der Aktivität. Seit Mitte Februar sind die Buchungen rückläufig: Das rollierende Sieben-Tage-Volumen sank von 34.790 TEU Mitte Februar auf 19.863 TEU Anfang März – ein Rückgang von über 40 Prozent.
Zwischen 1. und 3. März gingen neu gebuchte Exportvolumina um 40 Prozent gegenüber der Vorwoche zurück, während Stornierungen um 56 Prozent zunahmen. Am 3. März überstiegen die Stornierungen erstmals die neuen Buchungen:
- 1.309 TEU storniert,
- 1.095 TEU neu gebucht.
Breite Betroffenheit über Branchen hinweg
Die Daten zeigen, dass die Störungen nicht auf einzelne Industrien begrenzt sind. Besonders häufig betroffen sind Unternehmen aus den Bereichen
- Transportdienstleistungen (18,0 Prozent),
- Großhandel (27,5 Prozent).
Gemeinsam mit lebensmittelbezogenen Branchen und sonstigen Kategorien machen diese Gruppen rund 55 Prozent der betroffenen Unternehmen aus.
Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle: Etwa 80 Prozent der betroffenen Firmen sind Mikro- oder Kleinunternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden. Insgesamt wurden bis zum 3. März bereits 3.373 Unternehmen identifiziert, die seit Ende Februar mindestens eine Lieferstornierung im Zusammenhang mit Hormus-Transitverkehren verzeichneten.
Breite Palette betroffener Waren
Die Stornierungen betreffen eine Vielzahl von Produktgruppen, darunter
- Maschinen und mechanische Anlagen
- Fahrzeuge und Fahrzeugteile
- Kunststoffe, Gummi, Papier und Holzprodukte
- Lebensmittel wie Obst, Nüsse, Milchprodukte und Getreidezubereitungen
- Metalle und chemische Produkte, etwa Aluminium, Kupfer und organische Chemikalien.
Signal für Unternehmen: Frühindikator für Lieferkettenrisiken
Die Daten zeigen zudem erste Anpassungen der Logistikrouten, etwa Umleitungen innerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate über große Häfen wie Jebel Ali. Für Unternehmen liefern solche Bewegungen wichtige Frühindikatoren.
Besonders relevant sind dabei zwei Kennzahlen:
- das Verhältnis von Buchungen zu Stornierungen,
- sowie Veränderungen bei Routen und Hafenanbindungen.
„Wenn Stornierungen über mehrere Tage hinweg die Neubuchungen übersteigen, ist das ein klares Signal dafür, dass Unternehmen ihre Lieferketten kurzfristig neu kalibrieren“, sagt Dirk Radetzki, Chief Regional Officer Central Europe bei Dun & Bradstreet. „Für Risikomanagement- und Supply-Chain-Teams wird es deshalb immer wichtiger, Handelsdaten, Unternehmensinformationen und Risikokennzahlen zusammenzuführen, um Störungen frühzeitig zu erkennen.“
(pi)